Hanspeter Hilfiker, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn Sie das Wort «Energie» hören – Strom, Antrieb oder etwas ganz anderes?
Für mich steht im Energiebereich – auch angesichts der weltpolitischen Lage – vor allem die Versorgung unserer Bevölkerung mit Strom und Gas im Vordergrund
Sie haben nach 20 Jahren in der Privatwirtschaft in die Politik gewechselt. Gab es einen Schlüsselmoment für diesen Schritt?
Nein. Ich hatte mich ja bereits früher in der Lokalpolitik engagiert, war zehn Jahre im Einwohnerrat und leitete als Stadtrat seit 2014 das Ressort Kultur und Sport – in den ersten Jahren noch parallel zu meiner beruflichen Tätigkeit in der Rückversicherungsbranche. Lokalpolitik war mir immer wichtig und als meine Vorgängerin dann bekannt gab, nicht mehr antreten zu wollen, habe ich mich bei den Wahlen 2017 als Stadtpräsident zur Verfügung gestellt und wurde gewählt.
Seit 2018 sind Sie Stadtpräsident, seit 2023 Grossrat und seit kurzem Präsident des Schweizerischen Städteverbands. Woher nehmen Sie die Energie für so viele Rollen gleichzeitig?
Mit dem Amt des Stadtpräsidenten gehen ja verschiedene Rollen und Mandate einher – so bin ich beispielsweise von Amtes wegen auch Präsident des Planungsverbandes Aarau Regio und der städtischen Pensionskasse, sitze im Stiftungsrat der Standortförderung und so weiter. Als Präsident des Städteverbands reise ich meist ein- bis zweimal im Monat nach Bern, kann aber auch viele Aufgaben von Aarau aus wahrnehmen. Die Funktion als Grossrat ist zeitintensiver, hat aber natürlich viele Bezugspunkte zur Lokalpolitik. Die Erfahrung als Stadtpräsident hilft mir, die verschiedenen Rollen unter einen Hut zu bringen. Ich weiss zum Beispiel, dass ich mich nicht um jedes Detail kümmern muss und mich in vielen Fragen auf die Kompetenzen meiner Mitarbeitenden verlassen kann.
Als Präsident des Städteverbands vertreten Sie die Interessen von Städten und Gemeinden gegenüber Bund und Kantonen. Welche Rolle spielen Energie-fragen in diesem Dialog?
Die meisten Städte und Gemeinden haben ihre eigenen Klimaziele und Strategien und setzen diese im Alltag um. Der Städteverband spielt als Stimme der urbanen Schweiz eine koordinative Rolle, nimmt die städtischen Meinungen auf und positioniert sich zu energiepolitischen Fragen, wenn etwa eine wichtige Volksabstimmung ansteht. Aktuell laufen intensive Diskussionen zu den Bilateralen III, die u. a. ein Stromabkommen mit der EU beinhalten. Im Allgemeinen halten wir uns aber mit politischen Äusserungen zurück und bringen uns eher auf Vernehmlassungsstufe ein.
Sie haben einmal festgestellt, dass der Tonfall gegenüber Behörden rauer geworden ist. Wie schwierig ist es, in einem politischen Klima, das zunehmend lauter wird, ruhig und konstruktiv zu bleiben?
Insgesamt ist die Situation in der Schweiz wohl nicht besorgniserregend. Dennoch bleibt der Eindruck, dass die Menschen streitlustiger geworden sind. So gibt es oft Einsprachen gegen kommunale Bauvorhaben, meist unter dem Motto «not in my backyard» – man sieht zwar die Notwendigkeit, will aber die Auswirkungen nicht mittragen. Umso wichtiger ist es, dass wir unsere Projekte sauber vorbereiten und klar kommunizieren. Dann werden auch aufwändige Vorhaben wie etwa die neue Biogasanlage in der Telli akzeptiert, gegen dieses Projekt gab es im Bewilligungsverfahren keine einzige Einsprache. Insgesamt ist die Aarauer Bevölkerung offen und verständnisvoll, aber es gibt halt auch die schwierigen Einzelfälle.
Eine Stadt wie Aarau lebt von der Energie ihrer Bevölkerung, ihrer Quartiere, ihrer Institutionen. Welches Projekt oder welche Entwicklung der letzten Jahre versinnbildlicht diese Energie am besten?
Es gibt momentan viel Dynamik in unterschiedlichen Bereichen: So wird Aarau im Jahr 2030 den Titel der Kulturhauptstadt tragen. Dazu haben viele verschiedene Menschen, Institutionen und Vereine in der Stadt zusammengearbeitet und ein hervorragendes Programm auf die Beine gestellt. Gemeinsam mit der Bevölkerung haben wir zudem ambitionierte Strategien und Konzepte entwickelt und in die Tat umgesetzt – etwa die Klimastrategie, welche die CO2-Emissionen bis 2045 auf Netto-Null senken soll. Mir ist es wichtig, dabei alle gesellschaftlichen Bereiche und alle Altersgruppen mitzunehmen, um am Schluss zu einer Lösung zu kommen, die möglichst alle Bedürfnisse berücksichtigt. In diesem Miteinander zeigt sich meiner Meinung nach die positive Energie von Aarau.
Wenn Sie in zehn Jahren zurückschauen– was soll bis dann erreicht sein, damit Sie sagen können: Aarau hat seine Energie gut investiert?
Aarau soll sich in verschiedenen Bereichen weiterentwickeln. Wirtschaftlich setzen wir auf den Gesundheitsbereich und möchten zudem in der Energiebranche weiter zulegen: Bereits heute sitzen mit dem VSE (Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen), der nationalen Netzgesellschaft Swissgrid und der AEW wichtige Institutionen der Branche in Aarau – das wollen wir nutzen. Nachdem wir in den vergangenen Jahren viel in die Kultur investiert haben, soll in den kommenden Jahren der Sport stärker im Mittelpunkt stehen. Ich bin deshalb zuversichtlich, dass wir in zehn Jahren ein neues Fussballstadion haben werden (lacht). Als Stadtverwaltung haben wir uns zudem das Ziel gesetzt, unsere eigenen CO2-Emissionen bereits 2035 auf Null zu senken – also zehn Jahre vor dem offiziellen Ziel für das gesamte Stadtgebiet.
Sie haben es gerade gesagt: Aarau setzt sich ambitionierte Klimaziele. Wo sehen Sie aktuell die grössten Hebel für eine nachhaltige Energieversorgung?
Der Ausbau des Wärme- und Kältenetzes war sicher ein wichtiger Schritt. Hier sind unterdessen alle wichtigen Player angeschlossen. Allerdings ist die Aarauer Altstadt immer noch ein weisser Fleck: Durch den felsigen Untergrund ist der Anschluss hier schwierig. Zentral ist im Rahmen der Elektrifizierung aber auch die Steigerung der lokalen Stromproduktion, einerseits durch den Zubau von Photovoltaik und Batteriespeichern, zum anderen möchten wir das über hundertjährige Kraftwerk an der Aare modernisieren – mit einem Neubau könnte die Stromproduktion um etwa zwanzig Prozent gesteigert werden.
Wirtschaft und Infrastruktur
Arbeitsstätten: 2 390
Arbeitsstellen: 32 558
Wohnungen: 10 985 (inkl. Einfamilienhäuser)
Bevölkerung und Stadtgebiet
Einwohnerzahl: 22 892
Fläche: 12,34 km²
Einwohnerdichte: 1 840 Einwohner pro km²
Ausländeranteil: 23,4 %
Organisation und Verwaltung
Exekutive: 7 Stadtratsmitglieder (inkl. Stadtpräsident)
Mitarbeitende: > 700
Funktionen / Berufe: > 22